Rassebiologen

 

Bild oben - Robert Ritter bei der Arbeit am Studienobjekt 
(Wikipedia/Fotoarchiv)

"Die Zigeunerfrage ist uns heute in erster Linie eine Rassenfrage, so wie der Nationalsozialistische Staat die Judenfrage gelöst hatt,wird er auch die Zigeunerfrage lösen müssen". Diese Sätze schrieb Dr.Adolf Würth,ein anerkannter Rassenforscher im August 1938.Zur Zentralfiugur rassistischer Zigeunerforschung stieg der Psychiater Robert Ritter,aus Tübingen auf.Ritter verstand es als Sonderaufgabe "die Zigeunerfrage und das Zigeunerbastardproblem restlos u.entgültig zu bereinigen".Er wurde zum Leiter der Erbwissenschaftlichen Forschungsstelle Berlin Dalhem und der Kriminalbiologischen Institute beim Reichsicherheitshauptamt im Reichsgesundheitsamt berufen,die unter Mitarbeit von Anthropologen und  kriminalgeneagologischen Assistenten wie Eva Justin (Loli Tschei) ab November 1936 ihre Arbeit aufnahmen.Ziel dieser Arbeit waren erbbiologische Gutachten an so genannten "Zigeuner-Bastarden".Die Nürnberger Rassengesetze von 1935 zum Schutze Deutschen und Artverwandten Blutes,schufen die Grundlage einer Nationalsozialistischen Verfolgungs u.Rassenpolitik die sich nicht nur gegen Juden sondern auch Sinti und Roma richteten. In der Zeitschrift des Deutschen Ärztebundes (Dr. Kurt Hannemann, in “Ziel und Weg” Nr. 9 / 1939, Organ des Nationalsozialistischen Ärztebundes) heißt es: “Ratten, Wanzen und Flöhe sind auch Naturerscheinungen, ebenso wie die Zigeuner und Juden. Sie sind daher gleichfalls gottgewollte Wesen, aber man kann sie ebensowenig durch rücksichtsvolle Behandlung bessern oder beim zusammenleben von uns fernhalten wie entartete Asoziale und unnormal Ichsüchtige, kriminell-hemmungslose Menschen. Alles Leben ist Kampf. Wir müssen deshalb alle diese Schädlinge biologisch allmählich ausmerzen.”(Quelle:Bastian Till/Sinti u.Roma im 3.Reich/München 2001 S.31)Eine der ersten Maßnamen zur Umsetzung dieser Rassenideologie,war der Erlass des Gesetzes zur Verhütung Erbkranken Nachwuchses vom 17.7.1933 [Dok.rechts]. Waren Sinti und Roma zunächst nicht ausdrücklich erwähnt,so strebten Rassenforscher wie Robert Ritter,Spohie Erhard,Adolf Würth und Eva Justin eine Zwangssterilisation von Zigeunern auf Grundlage dieses Gesetzes an.Dabei genügte der Nachweis einer "zigeunerischen" Abstammung,was nach Ansicht dieser Wissenschaftler an sich schon der Beweis ihrer Minderwertigkeit war.Seit 1934 forschte Dr.Ritter versehen mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über Vagabunden-Gauner und Räuber.Ritter geb.1901 Dr. Phil. und Med. hatte angeblich bewiesen,das kriminelles u.asoziales Verhalten über Generationen hinweg vererbt würde.Der Zusammenhang zu "Zigeunern" ergab sich dadurch,das Ritter behauptete "Es gäbe keine reinrassigen Zigeuner,sondern nur Zigeunermischlinge".Gerade Sie wurden von ihm als "nichtsnutziges asoziales Gesindel,welches zu außergewöhnlicher Kriminalität fähig war" stigmatisiert.

 

Die in Hetzkampagnen der NS Presse verbreiteten Verleumdungen, wurden von Wissenschaftlern wie Ritter  Würth Justin u.a.zu rassebiologischen Erkenntnissen hochgestapelt.Unter Androhung von KZ Haft oder Sterilisation gelang es Ritter und seinen Mitarbeitern,ein vollständiges Sippenarchiv aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma anzulegen.Im Zusammenhang mit diesen Vorgängen,hatte Heinrich Himmler als Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei am 16.Mai 1938 die Überleitung der Zigeunerpolizeistelle beim Polizeipräsidium/München zum Reichskriminalpolizeiamt Berlin angeordnet.Um nun auch die letzten "Zigeuner oder Zigeunermischlinge" zu erfassen die Robert Ritters Dienststelle entgangen waren,erging vom Reichssicherheitshauptamt am 17.Oktober 1939 die Anordnung das nach "Zigeunerart reisende Personen" ihren Aufenthaltsort oder Wohnsitz nicht mehr verlassen durften  .Sinti und Roma wurden erfasst gezählt u.namentlich aufgelistet.Die Untersuchung der entsprechenden Namenslisten erfolgte durch das Reichskriminalpolizeiamt im Einvernehmen mit dem Reichsgesundheitsamt,die hier Hand in Hand zusammenarbeiteten.Im Grunde betrieb die Erbwissenschaftliche Forschungsstelle Berlin/Dalhem unter ihrem Leiter Robert Ritter nichts anderes als eine systematische Erfassung und Ausgrenzung aller "Zigeunerfamilien" und entsprechenden Einzelpersonen.Erst auf Grundlage der Vorarbeit Robert Ritters und seine Mitarbeiter,konnten die Nazis hunderttausende Sinti und Roma in KZs und Arbeitslager deportieren und dort ermorden.

Rund 20 000 deutsche Sinti und Roma hatte Ritters Berliner Institut im März 1943 registriert, katalogisiert, anthropometrisch rubriziert und in eigens dazu entwickelten Selektionsmanualen bis in den 1/32 Anteil „zigeunerischen Blutes“ erfasst.Die Untersuchungsergebnisse der Sinti und Romafamilien, unterzeichnet von Ritter-Justin -Würth-Erhardt u.a.waren Todesurteile die den Ausschlag für eine Deportation der betreffenden Familien/Personen in ein KZ oder Sterilisation gaben.Auch so genannte 1/8 Zigeunermischlinge das heißt...wen sich nach Ansicht der Rassenforscher unter den 8 Großeltern einer Person nur ein einziger Zigeuner befand wurden in das Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten einbezogen.Im Unterschied dazu ließ man 1/4 Juden vielfach unbehelligt.Das Leben als deutsche Staatbürger endete für Sinti und Roma nicht abrupt, den die nationalsozialistischen Rassenbiologen hatten Schwierigkeiten "Zigeuner" an äußerlichen Merkmalen  oder der Religion zu erkennen. Einerseits lag aufgrund der indischen Herkunft der Roma und Sinti eine "Arierzuordnung" relativ nahe, andererseits wollte man zur Legitimierung der Verfolgungsmaßnahmen ihre "Artfremdheit" durch Rassegutachten und Sozialisation beweisen. Viele der Unglücklichen fielen daher erst in den Jahren 1943/44 auf,deshalb war es einigen Roma und Sinti möglich noch bis 1943 in der Wehrmacht zu dienen obwohl Einsatzgruppen gleichzeitig am Völkermord im Osten beteiligt waren und bereits Tausende von "Zigeunern" ermordet hatten.Die entsprechenden Sinti und Romasoldaten der Wehrmacht, wurden manchmal direkt von der Front (teilweise noch in Uniform / mit Orden und Ehrenzeichen versehen) in das Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Anmerkungen zur Dissertation von Eva Justin

(Bilder oben) Eva Justin/ Dr.Rober Ritter  

 Robert Ritter sortiert die Bevölkerung

Eva Justin formulierte als wisenschaftliches Ergebnis ihrer rassenhygienischen u.kriminalbiologischen Zigeunerforschung..."Die Zigeuner u.Zigeunermischlingsfrage ist ein Teil des Asozialenproblems.Nie kann die primitive Zigeunerart das deutsche Volk als Ganzes in irgendeinerweise untergraben oder gefährden,wie dies durch die jüdische Intelligenz geschieht". Jedoch wären auch deutsch erzogene und sozial angepaßte Zigeuner und Zigeunermischlinge nicht mehr unter rassen u.kriminalpolitischen Gesichtspunkten zu werten,sondern ausschließlich unter Rassenhygienischen. Alle deutsch erzogenen Zigeuner u.Zigeunermischlinge 1.Grades gleichgültig ob sozial angepaßt oder asozial und kriminell, sollten daher in der Regel unfruchtbar gemacht werden. Desgleichen auch asoziale,und auch von deutscher Seite belastete Mischlinge 2.Grades. Sozial angepaßte Mischlinge 2.Grades, mit vorwiegend deutschem einwandfreiem Erbgut könnten eingedeutscht werden." 

Beruflicher Werdegang Eva Justins

Geboren am 29.08.1909 in Dresden.1933 Abitur am Luisenstift Dresden-Kötschenbroda. 1934 Lehrgang für Krankenschwestern.Einsatz ab 1936,als Stellvertreterin des Leiters der Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungasstelle im Reichsgesundheitsamt  (RHF).Ab 1934 assistiert Eva Justin Robert Ritter,bei dessen Forschungen/Zwangsuntersuchungen an "Zigeunern u.Zigeunermischlingen".Sie erstellen zusammen mit "kriminalgenealogischen Assistenten" über 30 000 "Rassegutachten" an deutschen Sinti u.Roma. Nach 1943 wissenschaftliche Assistentin in der RHF. Ab März 1948 Kriminalpsychologin und Sachverständige für schwer erziehbare Kinder beim Jugendgesundheitsamt der Stadt Frankfurt. Ab 1964 Angestellte der Universitäts-Nervenklinik in Frankfurt am Main.Es ist festzuhalten,das entsprechende Aktionen/Deportationen der Nationalsozialisten gegen "Zigeuner" nur auf Grund der Vorarbeit Robert Ritters, Eva Justins und ihrer Mitarbeiter möglich wurden. Sie erst gaben den Nationalsozialisten als Schreibtischtäter das Werkzeug an die Hand, um Zentausende Sinti des Reichsgebietes, in Arbeitslager und KZs zu deportieren und dort zu ermorden.Ab 1941 arbeitet Eva Justin als kriminalbiologische Assistentin in Mädchen und Jungen KZs. Auch diese Berichte/Gutachten entschieden über die Schicksale der Mädchen und Jungen.Sterilisierung/Deportation/Euthanasie, oder Kanonenfutter in Hitlers Armee. Im Wissenschaftsbetrieb kamen Eva Justin, wie Robert Ritter sowie weitere Exponenten der nazistischen Rassenlehre (Ferdinand v.Neureiter/Otto Finger) zum Schluss, das die “Zigeunerischen Bastarde“ „bevölkerungsbiologisch“ besonders gefährlich seien:„Bevölkerungsbiologisch gesehen ist aber die Entstehung neuer Bastarde die schwerwiegendste Folge der fürsorgerischen Erziehung von Zigeunern und Zigeunermischlingen". (Quellen: Eva Justin, Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder, Diss. Berlin 1943, S.117. Die von ihr angezogene Publikation Fingers ist: Otto Finger: Studien an zwei asozialen Zigeunersippen,Giessen 1937/ Ferdinand von Neureiter: Kriminalbiologie, Berlin 1940, S.43

Justin argumentierte somit betreffend "Zigeunerbastarden”, auf einer Linie mit Ferdinand_von_Neureiters Lehrmeinung, derzufolge die soziale Tauglichkeit eines Menschen in hohem Masse davon abhängig war,ob er blutmässige Beziehungen zum "Gauner-und Vagantenschlag" besitzen würde oder nicht. Je mehr Angehörige der "Kriminelen Unterschicht" sich also unter den entsprechenden Vorfahren eines Individuums finden würden, um so asozialer und krimineller war die Lebensführung des betreffenden Abkömmlings,nach Ansicht Robert Ritters und seiner Mitarbeiter. Ritter, Justin und Neureiter sahen in "Bastarden" aus Partnerschaften zwischen Sinti und Angehörigen der deutschen Unterschicht zwar etwas Anderes, aber im Sinne der NS-Ideologie heraus keineswegs Besseres als „Rassezigeuner“. Sie erklärten den „nichtzigeunischen Blutsanteil“, also “Arischen Anteil am Erbgut der Mischlingszigeuner“ somit auch keineswegs für „deutschblütig“ in einem nach Nazi-Rassenlehre positiven Sinne. Vielmehr seien diese Menschen...Abkömmlinge von „Resten unterschichteter Stämme“: Robert Ritter wies explizit darauf hin: "das wir es wahrscheinlich bei diesem primitiven Deutschtum, mit Resten unterschichteter Stämme zu tun haben". (S.118f.) Aufgrund der gemeinsamen Klassifizierung als "primitiv, asozial und erblich minderwertig" waren sowohl Sinti, als auch bestimmte Angehörige der "erblichen Unterschicht", in der Rassenlehre nach Ritter und Justin für die „Gesundheit des deutschen Volkskörpers“ schädliche Elemente. Justin schreibt auf S.119: „Sowohl Ritters Untersuchung über die Lebensschicksale artfremd erzogenen Angehörigen eines Zigeunerstammes, zeigen klar, dass durch Umwelteinflüsse, durch Erziehung und durch Strafen das schon von der Geburt festgelegte Erbschicksal dieser Menschen nicht geändert werden kann.Erziehen wir einen Zigeuner, und lässt er sich in deutschen Verhältnissen überhaupt halten, so bleibt er doch infolge seiner mangelhaften Anpassungsfähigkeit in der Regel doch mehr oder weniger asozial. Wir können nicht verhindern, das bei diesen ‚Entarteten’ auch die nächste mitmenschlichen Beziehungen in Unordnung geraten, die innerhalb der Zigeunergemeinschaft durchaus geregelt sind. Wir erreichen nur, dass durch solche Einschmelzungsversuche immer neues minderwertiges Erbgut in den deutschen Volkskörper einsickert.“

 

Bild unten.Zwei Mitarbeiterinnen in Dr.Ritters Team,von denen die links vermutlich

Dr.Sophie Erhardt ist ferigen dei Wachsmaske eines "Zigeuners" an

 

 

 KINDERHEIM "HEILIGE ST.JOSEFSPFLEGE" IN MULFINGEN

Schulpflichtige Sinti-Kinder aus Württemberg, bei denen Heimerziehung angeordnet worden war oder deren Eltern bereits aufgrund des Zigeuner-Erlasses in Konzentrationslager deportiert worden waren, wurden seit 1938 in der St. Josefspflege in Mulfingen erzogen. Als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ dienten sie 1943 Eva Justin als Probanden für ihre Doktorarbeit über die „Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen“. Dadurch blieben sie bis zum Frühjahr 1944 vor dem Abtransport in ein Konzentrationslager verschont.Ein Teil der Filmaufnahem, die damals (teilweise) von Robert Ritter erstellt wurden, sind im unteren Yotube-Video zu sehen.Nachdem Justin ihre Doktorarbeit beendet und eingereicht hatte, wurden die Sinti-Kinder aus den Kinderheimen in Mulfingen, Hürbel und Baindt für die Aufnahme im „Zigeunerlager Auschwitz“ in Auschwitz-Birkenau erfasst. Einigen Kindern wurde noch die Notkommunion verabreicht, ehe sie abtransportiert wurden. Am 9. Mai 1944 wurden die meisten dieser Kinder unter dem Vorwand, es gehe auf einen Ausflug, in einem Bus zunächst nach Künzelsau gefahren; schon vorher hatte der für das Heim zuständige Pfarrer Volz beim Caritasverband um rasche Zuweisung neuer Kinder für seine nach dem Abtransport der Sinti-Kinder unterbelegte Institution gebeten.
 

Da den älteren Mädchen und Jungen durch das Erscheinen der begleitenden Polizisten bereits klar geworden war, wohin die Fahrt ging, brach schon auf dem Hof der Josefspflege beim Einsteigen in den Bus eine Panik aus, woraufhin zur Beruhigung der Kinder die Lehrerin Johanna Nägele und die Schwester-Oberin Eytichia auf dem ersten Teil der Strecke mitfuhren. Auf dem Bahnhof von Künzelsau mussten die Kinder zunächst längere Zeit, von den Polizisten bewacht, auf den Waggon warten, in den sie dann verladen wurden. Sie erhielten die Anweisung, sich an den Bahnhöfen von den Fenstern des Wagens fernzuhalten. In Crailsheim wurde der Transport von Waffen-SS-Männern übernommen und der Wagen mit den Kindern an einen Zug nach Auschwitz angekuppelt. Dort stieß auch Adolf Scheufele, der Leiter der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ bei der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart, der die „Deportation“ der Kinder unter sich hatte, dazu, und eine Kriminalassistentin begleitete die Kinder hinfort zusammen mit der Wachmannschaft. Die Fahrt, die öfters von Luftangriffen unterbrochen wurde, dauerte drei Tage; in Dresden stand der Wagen während eines Bombenangriffs ungeschützt auf einem Abstellgleis. Am 12. Mai 1944 kam der Transport im „Zigeunerlager Auschwitz“ an, es lag im Lagerabschnitt B II e. Dort trafen die Kinder weitere Sinti-Kinder wieder, die ebenfalls in Mulfingen gelebt hatten, aber schon früher deportiert worden waren. Die Kinder kamen zunächst in den Block 16, blieben dort nur ungefähr 14 Tage zusammen, danach kamen die unter Vierzehnjährigen in den „Kinderblock“ bzw. „Waisenblock“. Bei der Selektion in Auschwitz wurden nur vier ältere Kinder als Arbeitskräfte aussortiert, drei Mädchen und ein Junge (Amalie Schaich, geb. Reinhardt, Luise Würges, geb. Mai, Rosa Georges und Andreas Reinhardt). Sie kamen in die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück. Die übrigen Mulfinger Sinti-Kinder wurden zum Teil noch von Josef Mengele für medizinische Experimente missbraucht, und dann in der Nacht zum 3. August 1944 vergast.

 

Nachkriegszeit


Nach 1945 wurde Eva Justin von deutschen Behörden als politisch nicht belastet eingestuft (und wie in vergleichbaren Fällen ebenfalls) ein so genannter "Persilschein" (Dok.links) ausgestellt.Unangefochten gelang es deshalb auch Dr.Robert Ritter und seiner Assistentin Dr. Eva Justin, in Frankfurt entnazifiziert zu werden und erneut im städtischen Dienst Fuß zu fassen [2].Der am 17.4.1951 in Oberursel verstorbene Rassenbiologe Ritter brachte es zum Arzt in städtischen Diensten.  Eva Justin, deren wissenschaftliche Ausbildung sich weitgehend in der genealogischen Erforschung von Zigeunerfamilien erschöpft hatte, arbeitete als Psychologin im städtischen Gesundheitsamt.Ihr zeitweiliger Auftritt als psychiatrische Gutachterin in Jugendprozessen fand ein stilles Ende, nachdem es einem Frankfurter Strafverteidiger gelungen war, ihre mangelhafte Qualifikation glaubhaft zu machen. Ein Ermittlungsverfahren gegen sie "wegen Freiheitsberaubung im Amt mit Todesfolge" verlief genauso ergebnislos wie 1949 ein Verfahren gegen ihren früheren Chef Dr. Ritter.Zu jener Zeit war allerdings nur wenig von den Dokumenten bekannt, die heute einen Rückschluß auf die Methoden zulassen, mit denen Zigeuner im 3.Reich rassekundlich untersucht,verfolgt und ermordet wurden.Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnete Justin sich im Fragebogen des Entnazifizierungsverfahrens als „politisch nicht belastet“ und gab lediglich eine Mitgliedschaft im Roten Kreuz und der Arbeitsfront an.Im März 1948 wurde sie, obwohl sie niemals psychologisch mit Kindern gearbeitet hatte und auch kein Examen oder einen sonstigen Abschluss in Psychologie besaß, als Kinderpsychologin in Frankfurt am Main angestellt. Ihr Vorgesetzter war wiederum ihr Mentor Robert Ritter, der seit dem 1.Dezember 1947 für die Stadt Frankfurt arbeitete.

In der Folgezeit erstellte Eva Justin psychologische Gutachten über schwer erziehbare Kinder. Justin und Ritter verwendeten zu dieser Zeit ihre Arbeitskraft auch darauf, die von ihnen unterschlagenen Akten des Reichsgesundheitsamtes (also die Planungsunterlagen des Völkermordes an Sinti oder Roma) an Polizeibehörden und ehemalige Mitarbeiter der Forschungsstelle Berlin-Dalehm weiterzureichen.1958 ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Justin. Die Staatsanwaltschaft unter der personellen Zuständigkeit des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer verkündete, das Verfahren solle „die nationalsozialistischen Vernichtungsmaßnahmen gegen Zigeuner aufklären 2) Nach "umfangreicher Beweiserhebung" konstatierte die Staatsanwaltschaft zwar, dass die von Eva Justin angefertigten „Rassenhygiene-Gutachten“ über Sinti oder Roma die Grundlage für deren Deportation nach Auschwitz und anschließende Ermordung gewesen seien, glaubte aber nicht nachweisen zu können, dass Justin die Folgen ihres Tuns erkannt habe. Andere zweifelsfrei bewiesene Handlungen wie die Zwangssterilisationen wurden als verjährt eingestuft. Im Dezember 1960 stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Justin ein.Bis 1962 begutachtete Justin für die Stadt Frankfurt "Zigeuner" und war in dieser Funktion als "Zigeunerspezialistin" für eben die Menschen zuständig, die sie vor 1945 für die Rassenhygienische Forschungsstelle begutachtet hatte. Aufgrund eines Fernsehfilms von Irmgard und Valentin Senger,über ehemalige Schreibtischtäter wurde Eva Justin versetzt (3). 1963 trat Frau Justin zum katholischen Glauben über. 1964 erhob sie Daten im sogenannten „Zigeunerlager“ bei Frankfurt-Bonames, und war danach als Angestellte der Universitäts-Nervenklinik in Frankfurt am Main tätig. Im September 1966 verstarb Eva Justin an Krebs.

 

DIE ÜBERLEBENDEN:

 

Angela Reinhardt
Angela Reinhardt wurde 1934 in Tübingen geboren. Sie wuchs bei ihrem Vater Franz Reinhardt und ihrer Stiefmutter Appolonia auf. Die leibliche Mutter, Erna Schwarz (keine Angehörige der Sinti oder Roma), hatte Vater und Kind bereits kurz nach der Geburt verlassen. Als Angela Reinhardts Eltern verhaftet wurden, kam das sechsjährige Kind für kurze Zeit zu seiner leiblichen Mutter nach Friedrichshafen. Kurze Zeit später wurde Angela Reinhardt in einem katholischen Heim in Leutkirch untergebracht. Obwohl Katholikin, durfte sie dort allerdings nicht bleiben, da sie als "Fremdrassige" galt. Das Jugendamt Stuttgart wies sie in das Kinderheim Heilige St. Josefspflege in Mulfingen ein, dem zentralen Sonderheim für schulpflichtige Sinti-Kinder aus Baden-Württemberg. Als am 9. Mai 1944 die Waffen-SS 39 Kinder aus Mulfingen holte und nach Auschwitz brachte, war Angela Reinhardts Name nicht auf der Liste. Sie blieb im Heim und überlebte. Erst nach dem Ende des Nazi-Regimes erfuhr Angela Reinhardt, dass nur vier Kinder aus Mulfingen Auschwitz überlebt hatten. Angela Reinhardts Eltern hatten nach ihrer Verhaftung die Polizei überlistet, indem sie sich als russische Zwangsarbeiter ausgaben. So getarnt überlebten auch sie die Nazi-Zeit. Erst Jahre nach dem Ende des Krieges fand Angela Reinhardt ihre Eltern wieder. 

Amalie Schaich
Amalie Schaich wurd
e 1929 in Ravensburg geboren. 1938 wurden sie und ihre Geschwister den Eltern weggenommen. Der Vater kam sofort ins KZ, ihre Mutter wurde später nach Bergen-Belsen gebracht und dort ermordet. Amalie Schaich kam mit ihrer Schwester Scholastika ins Kinderheim Schönenbürg bei Ulm und 1939 in die St. Josefspflege. Sie gehörte zu den 39 Kindern, die nach Auschwitz gebracht wurden. In Auschwitz wurde sie vom KZ-Arzt Josef Mengele zum Arbeitseinsatz eingeteilt. Sie und weitere ältere Kinder wurden vor der Ermordung der Sinti und Roma in Auschwitz in KZs in Deutschland verlegt (Bergen-Belsen und Ravensbrück). Von den Mulfinger Kindern überlebten so nur vier. Amalie Schaichs Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. 

Emil Reinhardt
Emil Reinhardt gehörte zu den älteren Kindern in Mulfingen, die zu Arbeitseinsätzen bei Bauern eingeteilt wurden. Als er zur St. Josefspflege unterwegs war, um seine Geschwister mit Lebensmitteln zu versorgen, wurde er von einem Polizisten angehalten. Auf die Frage nach seinen Geschwistern erhielt er eine Ohrfeige, stürzte ins Wasser blieb zwei Stunden liegen und wurde dadurch taub. Seine Geschwister waren in der Zwischenzeit deportiert worden und wurden alle ermordet. Emil Reinhardt versteckte sich bis zum Kriegsende und überlebte.


 

Karrieren im Nationalsozialismus

 

Robert Ritter

Vorwort

Der im Spätabsolutismus entwickelte Diskurs über die Zigeuner betrachtete diese letztlich als Mängelwesen, deren vorgebliche Zurückgebliebenheit jedoch durch gesellschaftspolitische Eingriffe zu beeinflussen sei. Der moderne, völkisch und gesellschaftsbiologisch ausgerichtete Rassismus behauptete dagegen eine konstante »Minderwertigkeit« der Zigeuner, die man auf ein unveränderliches »Erbschicksal« zurückführte. So sprach der Neurologe Robert Ritter,dessen »Rassenhygienische Forschungsstelle« die nationalsozialistische Zigeunerpolitik erheblich beeinflusste, den Zigeunern jegliche Individualität ab und erklärte sie zu „typischen Primitiven“, die „geschichtslos“ und „kulturarm“ seien. Obwohl diese Auffassung auf den gängigen Zigeunerklischees fußte, markierte sie doch einen tiefgreifenden Einstellungswandel. Waren schulische Erziehung und kulturelle Anpassung bis dahin als abstrakte Ziele der Zigeunerpolitik nicht grundsätzlich angefochten worden, empfahlen Rassenhygieniker wie Ritter jetzt, die „Primitiven“ biologisch „unschädlich“ zu machen.Hatte Grellmann noch betont, man müsse den Zigeunern neben ihrem „Ursprung“ die „Umstände“ zugute halten, unter denen sie bislang gelebt hätten, erklärte Ritter, ihre „rassische Eigenart“ lasse sich „durch Umwelteinflüsse nicht ändern“. Während Grellmann die Zigeuner in die bürgerliche Gesellschaft einzufügen wünschte, wollte Ritter ihre „weitere Entstehung“ „unterbinden“.Die Wandlungsmöglichkeit, die das im Spätabsolutismus entwickelte Konzept mit der Unterscheidung zwischen dem schieren Leben eines Zigeuners und seiner gesellschaftlichen Prägung vorausgesetzt hatte, war im modernen Rassismus nicht mehr angelegt.Die Antwort auf die »Zigeunerfrage« sollte in der Auflösung der Zigeuner als gesellschaftlicher Gruppe bestehen.Auf eben dieses Ziel arbeitete Robert Ritter hin, als er 1938 die bisherigen polizeilichen und sozialpolitischen Versuche, das »Zigeunerproblem« »zu lösen«, für gescheitert erklärte. In „Kenntnis ihrer rassischen Eigenart“müssten „neue Wege“ beschritten werden. Solche Vorstellungen waren charakteristisch für das im NS-Staat in staatliche Politik umgesetzte rassistische Konzept. So wurden Zigeuner bereits nach dem 1933 verabschiedeten »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« zwangsweise sterilisiert. Sie waren auch vom »Blutschutz-« Gesetz, das Eheverbote zwischen »Ariern« und »Angehörigen artfremder Rassen« verfügte, und vom ebenfalls 1935 durchgesetzten »Ehegesundheitsgesetz betroffen, das vorgeblich »Minderwertigen« die Heirat untersagte. Wer als “Minderwertig” zu gelten hatte,definierten NS-Rassebiologen und Ethnologen.In der Wissenschaft war Ritter, dessen 1936 gegründete Forschungsstelle der Abteilung für »Erbmedizin« des Reichsgesundheitsamtes angehörte, nicht der einzige, der die Zigeuner zum Objekt rassenhygienischer Untersuchungen machte. Ähnliche, wenn auch kleiner dimensionierte Vorhaben wurden an den Universitäten Gießen, Münster, Berlin, Frankfurt am Main, München, Wien und Königsberg geplant oder realisiert. In der Praxis nahm Ritters Rassenhygienische Forschungsstelle ihre Untersuchungen an den Zigeunern im Frühjahr 1937 auf. Die Ausforschung vor Ort wurde mit genealogischem Material aus Archiven, Pfarr- und Bürgermeisterämtern sowie mit polizeilichen Unterlagen im »Zigeunersippenarchiv « der Forschungsstelle zu so genannten Erbtafeln kombiniert. Den Hauptangriff richtete Ritter wie alle einschlägig forschenden Rassenhygieniker gegen »Zigeunermischlinge«, zu denen er über 90 Prozent der „als ›Zigeuner geltenden Personen‹“rechnete und die er als „form- und charakterloses Lumpenproletariat“ stigmatisierte.

Kindheit und Jugend

Robert Ritter geb. am 14. Mai 1901 in Aachen,als erstes Kind des Kapitänleutnants Max Ritter und seiner Ehefrau Martha, geborene Gütschow. Im  Elternhaus  herrschte   ein  kaisertreuer,  deutsch-nationaler  und  bürgerlicher Geist. Auf die Kapitänleutnantswürde des Vaters legte Ritter in seinen autobiographischen Entwürfen bis 1945 ausdrücklichen Wert. Aus den autobiographischen Erinnerungen Ritters können wir uns seinen Vater als  einen  klar  und  unbestechlich  denkenden  Kopf vorstellen, der gerne sein eigener Herr w Robert Ritters Elternhaus befand sich ab Anfang der 1910er Jahre in Berlin-Nikolassee. Als  die  nicht-militärischen  Stätten  seiner  schulischen  Ausbildung  nennt Ritter das Gymnasium zu Berlin-Zehlendorf, das Katharinäum zu Lübeck, und das  Realgymnasium  zu  Nowawes einer  kleinen  Ortschaft  im  Berliner  Süden die  1938  nach  Babelsberg  und  im  Jahr  darauf Potsdam  eingemeindet wurde. Neben  dem  bürgerlichen  Elternhaus  mit  seinem  kaisertreuen  Geist  und preußisch-autoritären  Erziehungsstil  war  die Hauptkadettenanstalt  in  Berlin-Lichterfelde eine wichtige Erziehungsstätte,und bedeutender Sozialisationsinstanz in Ritters jungen Lebensjahren. Ritter durchlief von 1916-1918 einen Teil seiner schulischen Ausbildung in dieser Kadettenanstalt,die von der  Untersekunda  bis  Selekta ging. Der  Fächerkanon umfasste Geschichte, Geographie, Mathematik, Englisch, Französisch, Deutsch und Latein. Nachmittags standen Sport und militärische Übungen auf dem  Programm.Die  Kadetten rekrutierten sich in der Regel aus Adels- und Offizierskreisen und waren später Aspiranten für hohe Ämter und Positionen in Staat und Militär. Das Abitur als Abschluss der Ausbildung war möglich, aber keineswegs üblich, da ein großer Teil der militärischen Karrieren kein Abitur voraussetzte. Im Frühjahr 1920 gab es im  beruflichen Werdegang Ritters noch ein kurzes Intermezzo eines bürgerlichlichen Lebensweges. Auf  Wunsch seiner Mutter und Großmutter, begann Ritter eine Lehre bei der Deutschen Bank in Koblenz die ihn allerdings wenig erfüllte: "Schließlich  entschloß  sich  die  Bankleitung,  mir  zu  kündigen,  das  heißt,  sie setzte mich wegen völliger Untauglichkeit vor die Tür" führt Ritter in seiner Autobiographie aus. So nahm er Kurs auf einen akademisch ambitionierten Lebensweg,und legte im  Sommer 1921 sein Abitur im Realgymnasium  zu Betzdorf-Kirchen ab.

Politische und berufliche Biografie

Nach einem Freikorpseinsatz im Baltikum schloß sich  Ritter den nationalen Jugendbünden im besetzten Rheinland an.Er umreißt diese Aktivitäten gegen die französische Besatzungsmacht in einem späteren Lebenslauf von 1931 als „ein  Jahr  freiwillige  Arbeit“.Seine frühen Berufsideale beschriebt Ritter als ein weites Feld zwischen Jugendarzt und Heilpädagoge,am besten als moderner Leiter einer eigenen Erziehungsanstalt.Ritter läßt bereits in dieser Beschreibung erkennen, das er nicht auf den Beruf eines einfachen Heilers oder Jugendarztes abzielt, sondern sich zu Höherem berufen sieht.Hier eine Auflistung einzelner akadmischer Sationen in Robert Ritters Folgejahren: 1921 die Immatrikulation an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Im Wintersemester 1921/1922 gab es den ersten biographischen Be rührungspunkt  mit  der  Tübinger  Universität.1922 ging Ritter nach Marburg, wo er schwerpunktmäßig seine medizinischen Studien  vorantrieb. 1923  zog  er  für  das  Herbst-  und  Frühjahrstrimester  nach Kristiana zu  einem  Auslandsaufenthalt.  Das  Auslandsstudium  in  Norwegen verdankte  er  nach  seinen  eigenen  Angaben  der  privaten  Förderung  eines wohlhabenden norwegischen Ingenieurs und dessen  deutscher Frau. 1924 siedelte Ritter dann nach München über, wo er dann drei  Jahre später an der  Philosophischen  Fakultät mit  dem Thema: „Versuch  einer  Sexualpädagogik  auf  psychologischer Grundlage“ promovierte. Ritter  legte  seine  Promotionsprüfung mit dem Hauptfach  Pädagogik und den Nebenfächern Philosophie und Psychiatrie aber bereits im  Juli  1927  bei  den  Professoren Aloys Fischer, der auch sein Doktorvater war,Josef  Geyser,und Oswald Bumke mit der  Gesamtbewertung  „cum  laude“ ab. Im zweiten Nebenfach Philosophie musste Ritter allerdings die Prüfung zweimal ablegen, da er im ersten Anlauf „völlig versagte“. Seine akademischen Lehrjahre, finden  1930  in  Heidelberg  mit  der medizinischen Promotion allerdings kein Ende.Die Approbation als Arzt erhielt Ritter bereits im Mai 1929.

Den Zeitraum bis zu seiner ersten bezahlten Assistenzarztstelle im Burghölzli füllte Ritter zunächst im Jugendsanatorium und Pädagogium Wyk auf Föhr.Danach führte ihn im  Wintersemester 1930/31 das Stipendium einer Heidelberger Universitätsstiftung nach Paris, wo er Vorlesungen an der Sorbonne besuchte.Robert Ritter stand zwischen dem  16.  April 1931 und 30.  April  1932 als Assistenzarzt in den Diensten  der kantonalen Heilanstalt Burghölzli/Schweiz. Robert Ritter  war  dort auf  Wunsch seines  Chefs, im Bereich Erwachsenenpsychiatrie tätig, und konnte auch in der gutachterlichen Praxis Erfahrungen sammeln. Bei seiner Beschäftigung mit der forensischen Begutachtung, wandte sich Ritter seinen bekannten Interessen entsprechend besonders gern jugendlichen Delinquenten zu. In der Biographie Ritters muss das Jahr in der Schweiz als  eine wichtige mentale Zäsur, als Zwischenstadium in der Entwicklung hin zu einem theoretischen Befürworter und schließlich handfesten Mittäter einer „praktischen Rassenhygiene“ angesehen werden. Wen Ritter in seinem Nachkrieglebenslauf schreibt:„Während ich als junger Mensch ziemlich ausschließlich von einem weitgehenden pädagogischen  und psychotherapeutischen Optimismus erfüllt war,kam ich im Laufe der nervenärztlichen Arbeit bald zu der Einsicht, das dieser nur in einem Teil der Fälle berechtigt ist. Die Erfahrung lehrte mich, dass es vor jeder seelischen Heilbehandlung oder Heilerziehung und eigentlich auch vor jeder Strafe je nach der  vorliegenden Veranlagung und nach der Erfolgsaussicht zuerst einmal eine gewissenhafte Auswahl zu treffen gilt.Dabei traten in mein wissenschaftliches Blickfeld vor allem die Fragen der Entwicklungs- und  Erziehbarkeitsvorhersage, aber auch die der Beeinflußbarkeit durch therapeutische Maßnahmen oder durch den Strafvollzug“ deutet sich der Schritt von einer so verstandenen „sozialärztlichen  Jugendkunde“ hin zu seinem späteren Forschungsgebiet der„Asozialenkunde" bereits an. Im Frühsommer 1932 nahm Ritter an einem dreimonatigen Ausbildungslehrgang, der Sozialhygienischen Akademie in Berlin-Charlottenburg teil. Damit verband sich der Erwerb einer besonderen Lehrbefugnis. 

1934 wurde die "Rassenhygienische Eheberatungsstelle“ in Tübingen ins Leben gerufen,und in den Räumen des Klinischen Jugendheimes installiert. Zusammen mit dem Privatdozenten am Hygiene-Institut  Walter  Saleck, der auch  Ortsgruppenleiter der Deutschen Gesellschaft für  Rassenhygiene in Tübingen war, stand  Ritter dieser Eheberatungsstelle ärztlicherseits vor. Ab dem Zeitpunkt 1933, sah sich Robert Ritter wohl immer mehr als „Erbarzt“  und „Bevölkerungsbiologe“. Vermutete er doch in den  Erbanlagen eines jeden Menschen  die  entscheidende  Einflußgröße  für  dessen  soziales Schicksal und Lebensweg.Im Rahmen dieser Tätigkeit legte Ritter eine „Erbgesundheitskartei“ über die vermeintlichen „Erbkranken der letzten 40
 Jahre“ alteingesessener schwäbischer Geschlechter an. Der Historiker Michael Zimmermann weist nach, das  Ritters erbkartographische  Erfassungsarbeit in der lokalen schwäbischen „Genlandkarte“ zu den ersten
Berührungspunkten und quasi weichenstellenden Vorarbeiten für sein späteres Habilitationsprojekt  „Ein  Menschenschlag“ führte. Dazu heißt es bei Michael Zimmermann:
Er  begann  die  „alteingesessene Weingärtner-Bevölkerung“ Tübingens erbkundlich zu durchforschen und über sie genealogisches Material aus Gemeinderats- und Kirchenkonventsprotokollen, aus Totenbüchern, Schul, Polizei und sonstigen  Amtsakt
en  zusammenzutragen.Ritter verdichtete seinerassenhygienischen Spekulationen zu der Annahme,ein seit dem  18.Jahrhundert  in Schwaben verbreiteter „Züchtungskreis“ von „Jaunern“ und „Zigeunermischlingen“ sei  die Ursache für die von ihm behauptete Zurückgebliebenheit großer Gruppen der württembergischen Bevölkerung.“ PDF-Quelle 

Zusammenfassend ist davon auszugehen, das Ritter seinen Lebenslauf in den drei Epochen optimiert hat: Weimarer Republik, Nationalsozialismus und frühe Bundesrepublik, nach jeweiliger politischer Opportunität.Schon seine Zugehörigkeit zu einem Freikorps und der Beteiligung am Ruhrkampf stellt Ritter in seiner Biographie euphemistisch, bis übertreibend dar. Nach Ritters Freikorpszeit 1918,studierte er wie oben beschrieben Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Psychiatrie in Bonn, Tübingen, Marburg, München, Berlin, Heidelberg und Oslo.1927 promovierte er über Das geschlechtliche Problem in der Erziehung. Versuch einer Sexualpädagogik auf psychologischer Grundlage. 1930 folgte seine medizinische Dissertation mit dem Titel Zur Frage der Vererbung der allergischen Diathese. 1931 und 1932 war Ritter an der kinderpsychiatrischen Abteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich tätig.Von 1932 bis 1935 war er Oberarzt in der Jugendabteilung der Psychiatrie an der Universität Tübingen, wo er unter anderem für die Begutachtung von schwererziehbaren Jugendlichen zuständig war. In Burhölzli/Schweiz und Tübingen entwickelte Ritter vermutlich entsprechende rasistische und eugenische Theorien über biologische Grundlagen von sozialer Auffälligkeit die seiner Karriere im NS-Staat sicher nicht abträglich waren. 1935 publizierte Ritter einen Beitrag in der Zeitschrift Volk und Rasse über Rothaarigkeit als rassenhygienisches Problem. Im selben Jahr übernahm er einen Forschungsauftrag der deutschen Forschungsgemeinschaft zur Untersuchung der biologischen Grundlagen von „Asozialen“, Obdachlosen und Zigeunern im Reichsgesundheitsamt in Berlin.Mit seinen Studien qualifizierte er sich aus Sicht der Nationalsozialisten für die Leitung der neu gegründeten „Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt“, die er im November 1936 übernahm. Seine Stellvertreterin wurde Eva Justin. 1937 habilitierte er sich mit folgender Arbeit: Ein Menschenschlag. Erbärztliche und erbgeschichtliche Untersuchungen über die durch 10 Geschlechterfolgen erforschten Nachkommen von ‚Vagabunden, Jaunern und Räubern‘. Darin vertrat er die These vom „geborenen Verbrecher“, von der genetischen Bedingtheit kriminellen und asozialen Verhaltens. Ritter berief sich für seine Arbeiten auf Schweizer Gewährsleute, wozu wohl auch Josef Jörger mit der Arbeit über die Familie_Zero gehörte. Tobias Joachim Schmidt-Degenhard weist in "Leben und Werk des NS-Zigeunerforschers" nach, dass Ritter in zahlreichen Textstellen die gleichen Ideen vertritt, und sehr ähnliche Formulierungen nutzt wie Hermann_Aichele in seiner 1911 ebenfalls in Tübingen geschriebenen Dissertation "Die Zigeunerfrage mit besonderer Berücksichtigung Württemberg". Robert Ritter erhielt 1935 aufgrund einer Empfehlung Ernst_Rüdins vom Reichsgesundheitsministerium den Auftrag, „eine gründliche rassenkundliche Erfassung und Sichtung aller Zigeuner und Zigeunermischlinge durchzuführen“. „Diese Untersuchungen sind in engster Zusammenarbeit mit dem Reichskriminalpolizeiamt und der Münchner Zigeuner-Polizeizentrale in vollem Gange“, schrieb Ritter 1938. Er befand: „Je reinrassiger die Zigeuner sind, umso besser lassen sie sich überwachen“.

Im Mittelpunkt des Interesses von Ritter standen „Zigeuner“. Die Kategorie war ethnisch-rassisch definiert und gegen die „deutschblütigen“ Angehörigen der „deutschen Volksgemeinschaft“ abgegrenzt.Ritters Institut begutachtete bis 1945 beinahe 24.000 Menschen, um sie als „Voll-Zigeuner“, „Zigeuner-Mischling“ oder „Nicht-Zigeuner“ zu klassifizieren. Die „gutachtlichen Äußerungen“ der Forschungsstelle spielten eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über eine Sterilisation, nach dem Auschwitz-Erlass über die Deportation in das Vernichtungslager oder auch die Verschonung von Verfolgung.1940 bekam Ritter einen rassenhygienischen und kriminalbiologischen Lehrauftrag an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Kurz vor der Mai-Deportation 1940, der ersten großen Deportationswelle aus dem Reich ins besetzte Polen, hielt Ritter in Bremen vor Polizeibeamten einen Vortrag über das „Zigeunerunwesen“ und deutete die bevorstehende Deportation an.Am 2. September 1941 besichtigte Ritter zusammen mit Eva Justin das Wiener Jugendgefängnis in Kaiser-Ebersdorf.Er gehörte dabei zu einer Besichtigungsgruppe des Generalstaatsanwalts Johann Karl Stich. Ritter war Eva Justins Mentor, und förderte sie nach Kräften auch bei ihrer Doktorarbeit.Justin konnte kein abgeschlossenes Universitätsstudium vorweisen. Um ihr dennoch eine Promotion zu ermöglichen, setzte man sich in ihrem Fall mehrfach über wisenschaftliche Formalien hinweg. Ein ursprünglich von ihrem Hochschullehrer Kurt Gottschaldt vorgeschlagenes Thema ignorierte sie und brach auch die Besuche seiner Vorlesungen ab. Anfang März 1943 legte sie stattdessen eine Arbeit Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen vor, ein Thema, das mit keinem Professor der Universität vereinbart worden war. Ihre Promotion bedurfte also prominenter Unterstützung. Sie besuchte seshalb (von Robert Ritter unterstützt) den emeritierten Eugeniker und ehemaligen NS-Rektor der Berliner Universität Eugen Fischer bei einem Kuraufenthalt in Baden-Baden. Fischer schrieb am 4. März 1943 einen Brief an „seine“ alte Universität. Mit diesem Brief wurde Justin von der Psychologiestudentin, zur Anthropologin. Am 12. März nahm die Universität die Dissertation an. Als indirekter Doktorvater sprang Ritter ein, der aber gar zur Betreuung von Dissertationen berechtigt war. Gutachter der Dissertation waren Richard Thurnwald und Ritter, abschließend Fischer. In ihrem Schreiben zur Promotion berief sich Justin auf weitere Protektion von Hans Reiter, dem Leiter des Reichsgesundheitsamtes, Herbert Linden vom Reichsministerium des Innern und Paul Werner, der im Reichskriminalpolizeiamt für vorbeugende Verbrechensbekämpfung zuständig war.Die mündliche Prüfung fand am 24. März zwischen 9:15 und 10:15 in Ritters Privatwohnung statt; Fischer, der Justin in Anthropologie u. a. über Rothaarige prüfte, unterbrach dafür seine Kur. Wolfgang Abel führte eine weltanschauliche Besprechung durch, der Völkerkundler Thurnwald befragte sie zu „afrikanischen Wildbeutervölkern“. Fischer gab ihr ein „knappes gut“, Abel: „sehr gut“, Thurnwald: „gut“ [Gilsenbach 1988, S. 117]

1943 - 1951

Ab Sommer 1943 verlagerte Ritter wegen der Luftangriffe der Alliierten auf Berlin die RHF und das KBI an verschiedene Standorte in Mecklenburg, Bayern, Württemberg, im Hannoverschen und dem Sudetenland. Im Januar 1944 ist der Umzug vollzogen und die Arbeitsfähigkeit wieder voll hergestellt. Ritter selbst siedelte nach Mariaberg um, wohin er neben Akten auch seine Bibliothek überführte.Ein weiteres lag in Drögen bei Fürstenberg. Dorthin wurde das KBI als auch die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens auf das Gelände der Führerschule der Sicherheitspolizei verlagert.Die unweit des KZ Ravensbrück gelegene Führerschule besaß ein eigenes Außenlager des KZ-Ravensbrück,und das Jugendkonzentrationslager Uckermark lag ebenfalls in unmittelbarer Nähe. Mitte 1944 wurde Robert Ritter zum Regierungsrat befördert. Bei Kriegsende lebte Ritter mit Justin und Helene Bremer in der evangelischen Heil- und Pflegeanstalt in Mariaberg. Er versuchte sich für eine neue Aufgabe bei den Besatzungsbehörden anzubiedern und wollte der neue Leiter der Anstalt werden. Hierzu verwies Ritter auf NSDAP-Mitgliedschaft und „Dickköpfigkeit“ der alten Anstaltsleitung und die Verstrickung der Innern Mission in NS-Aktionen [Hohmann 1991, S. 162-165./ Hohmann 1991, S. 162-165./ Hohmann 1994, S. 47]. Auch aus Mariaberg wurden Patienten zur Zwangssterilisation vorgeschlagen oder in die nahe gelegene Tötungsanstalt Grafeneck verlegt. Erfolg hat er mit dieser Strategie nicht. Anfang August 1946 verließ Ritter gemeinsam mit Justin, bei „Nacht und Nebel“ Mariaberg. Er kam so einem Rauswurf aufgrund des Dauerkonflikts mit der Anstaltsleitung zuvor. Ab Mitte 1946 sammelte er systematisch „Persilscheine“.Auch sein Plan eine Professur an der Universität Tübingen zu erhalten, zerschlug sich, nachdem Otto Kirchheimer das Tübinger Rektorat unter Theodor Steinbüchel am 15. Februar 1946 schriftlich darüber informierte dass Ritter an der Jugendgesetzgebung des Nationalsozialismus maßgeblich beteiligt gewesen sei und das er "in Zusammenarbeit mit der Gestapo ständigen Zutritt zu KZs und Einfluss auf die Verwendung der Häftlinge gehabt" habe. Kirchheimer weist darauf hin, dass Ritter in bezug auf "Zigeuner" eine "intellektuelle Stütze der Nazi-Ideologie" gewesen sei, was einer besonderen Prüfung bedürfe [Hohmann 1994, S. 47]. Teilweise erfolgreich war Ritter bei seinen Bemühungen in Frankfurt am Main, dort leitete er ab 1947 die „Fürsorgestelle für Gemüts-und Nervenkranke“ sowie die Jugendpsychiatrie der Stadt [Hohmann 1991, S. 165 f]. Seine Assistentin Eva Justin war ab 1948 wiederum seine Untergebene. Er erhoffte sich außerdem aufgrund seiner Kontakte zu Otmar von Verschuer eine Tätigkeit an der Universität [Hohmann 1991, S. 165 f]. Verschuer, der Frankfurter Doktorvater von Josef Mengele konnte selbst keine Anstellung an der Frankfurter Uni finden.

1947 erschien eine Publikation "Analysis of Nazi Criminal Organisations" in der Ritter als SS-Obersturmbannführer geführt wird. Im Dezember 1947 wurde Ritter von einem Privatdetektiv im Auftrag von Oskar Rose (des Vaters von Romani Rose) in Frankfurt aufgespürt. 1948 erstattete das Staatskommissariat für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in München Anzeige gegen Ritter in Frankfurt.Das Staatskommissariat wurde von Philipp Auerbach geleitet. Die Anzeige stützte sich unter anderem auf Aussagen von Robert Adler, Oskar Rose und seinen Bruder Vincent Rose, sowie Mitglieder der Familie Bamberger. Ritter verteidigte sich im entsprechenden Ermittlungsverfahren mit zwei Llinien: zum einen seien seine wissenschaftlichen Forschungen „fundiert“, zum anderen seien die Zeugen „asoziale Elemente und zu jeder Unwahrheit der Darstellung bereit und in der Lage, wenn es sich darum handle, Rache zu üben.“ Zu seiner Entlastung legte er der Staatsanwaltschaft von der RHF erstellte Stammbäume und andere Unterlagen über die Zeugen vor. Für das Verfahren wurden 60 Personen richterlich vernommen, von Ritter wurden 39 Eidesstattliche Erklärungen also Persilscheine vorgelegt, die er teilweise schon für sein Entnazifizierungsverfahren und seine Bewerbungen genutzt hatte. Eine zentrale Rolle bei der Beschaffung der Persilscheine kam Paul Wiedel vormals Vizepräsident des Reichsgesundheitsamtes zu.Unter diesen Leumundszeugen sind einige Untergebene Ritters aus der RHF, weiterhin Gerhard Nauck,vormals im RSHA auch für die Verfolgung von Roma verantwortlich.Zu den Fürsprechern, die Ritter aufbot, gehörte auch Dr. Max Hagemann Oberverwaltungsgerichtsrat und Lehrbeauftragter für Kriminalistik a. D., der sich selbst als »führender wissenschaftlicher Mitarbeiter« der Zeitschrift »Kriminalistik« bezeichnete, und davon überzeugt war, »daß der künftige Strafvollzug zu seiner wissenschaftlichen Begründung und praktischen Durchführung der Mitarbeit von Dr. Ritter nur zu seinem Schaden wird entbehren können«. In der in Berlin erscheinenden Zeitschrift »Kriminalistik« hatte Ritter u. a. Beiträge über »Die Aufgaben der Kriminalbiologie und der kriminalbiologischen Bevölkerungsforschung« und »Das kriminalbiologische Institut der Sicherheitspolizei « veröffentlicht. Die Volkspflegerin, bei der sich Ritter angeblich als Antifaschist geoutet habe, um »seinem Herzen einmal Luft zu machen«, wie sie schreibt, der Lehrer, der in seiner ei  desstattlichen Erklärung bekundet, ihn habe das »humane Empfinden« des Kriminalbiologen beeindruckt, der Oberregierungsrat und Leiter der Kriminalabteilung des Polizeipräsidiums Stuttgart, der betont, er sei »in persönliche Fühlung mit Herrn Dr. Ritter getreten« und habe die Überzeugung gewonnen, daß dieser »den nationalsozialistischen Gedankengängen durchaus mißtrauisch und ablehnend gegenüber« gestanden habe.All diese Leumungszeugen,äußerten sich wie nach einem vorgegebenen Konzept, in dem die erwünschten Aussagen etwa so lauteten:

a) Robert Ritter war »innerlich« ein Gegner des Nationalsozialismus und befürchtete sogar, selbst ins KZ zu kommen.
b) Er war »reiner« Wissenschaftler und hatte somit keinen Zugang zu politischen
bzw. außerhalb der Wissenschaft liegenden Entscheidungen.
c) Er beschäftigte sich zwar mit verwahrlosten, kriminellen oder sonstwie
»abartigen« Menschen, aber nur, um Schlimmeres zu verhüten.
d) Sogar die Zigeuner betrachteten Ritter »als ihren Freund«, wie der Düsseldorfer
Kriminalpolizeirat Mittelsteiner im April 1947 stellvertretend für
andere an Eides Statt erklärte.
e) Überhaupt habe Ritter während des »Dritten Reichs« mäßigend und helfend
gewirkt, mancher »Schutzhäftling« im KZ Dachau habe ihm sogar
sein Leben zu verdanken.[Quelle
]

Selbst Geistliche und Vertreter kirchlicher Institutionen wie den Tübinger Stadtpfarrer Walter Schaal der sich zur Bekennende Kirche rechnete, Kaplan Wilhelm Mayer, der Häftling in Dachau gewesen war, den katholischen Pfarrer Emil Dimmler und drei Diakonissen, die zu Ritters Tübinger Oberarztzeiten Pflegeschwestern im Klinischen Jugendheim waren, sagten positiv für Ritter aus. Robert Ritter hat im Gegenzug, dann ebenfalls freundliche Schreiben für einstige NS-Täter verfasst. Eine Hand wusch hier offenbar die andere.Bezeichnend...»Persilscheine« die sich Ritter in den Jahren 1946 und 1947 ausstellen ließ, kontrastieren auf gespenstische Weise zu jenem Persönlichkeitsbild, das sich durch die Quellenlage ergibt. 1950 erschien im SPIEGEL eine anonyme 30teilige Artikelserie über die Polizei im NS-Staat, in der mehrere lange Zitate aus einem Leumundszeugnis Ritters für Arthur Nebe genutzt werden. (Der anonyme Spiegelautor war Bernhard Wehner, SS-Hauptsturmführer und früherer Kriminalrat im Reichssicherheitshauptamt. Wehner stellte die Kripo-Leute im NS-Staat als überwiegend anständig und sauber dar). Das Ermittlungsverfahren gegen Robert Ritter wurde am 28. August 1950 eingestellt. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Hans-Krafft Kosterlitz stellt in seiner Einstellungsverfügung fest, Ritter habe „sowohl den nazistischen Rasse-Doktrinen als auch der Anwendung irgendwelcher Gewaltmaßnahmen ablehnend gegenübergestanden“. Weiterhin konsternierte Kosterlitz: "Es erhebt sich die Hauptfrage, ob und inwieweit überhaupt den Darstellungen der Zeugen zu glauben ist. "Es handelt sich um die grundsätzliche Frage, ob und inwieweit Aussagen von Zigeunern zur Grundlage richterlicher Überzeugungen gemacht werden können.“ Kosterlitz sah auch die Mitgliedschaft in NS-Organisationen als unbelegt an [Hohmann 1991, S. 168/Schmidt-Degenhard 2008, S. 233]. Ende Mai 1948 wurde Ritter von der Stadt rückwirkend zum 1. April zum Obermedizinalrat befördert. Krankheitsbedingt konnte er kaum arbeiten. 1950 hatte er so über 100 Fehltage wegen Krankheit, 1951 waren es 55. Die Stadt kündigte ihm mit der Begründung dauerhafter Arbeitsunfähigkeit vier Tage vor seinem Tod. Ritter verstarb in der Nervenklinik Hohemark, nahe Oberursel im 50.Lebensjahr während seines 5.Aufenthaltes.

Die Akten der RHF

Um den Verbleib der Archivalien der RHF gab es in den 80er Jahren politische Auseinandersetzungen zwischen der Bürgerrechtsbewegung und staatlichen Behörden, die von einem nationalen und internationalen Medienecho, strafrechtlichen-, disziplinarrechtlichen- und zivilrechtlichen Auseinandersetzungen begleitet waren. Ins Bundesarchiv kamen die Akten erst 1980, also über 35 Jahre nach dem Untergang der RHF. Schon vor Kriegsende wurde ein erheblicher Teil der Akten und Materialien der RHF von ihren Mitarbeitern aus Berlin mitgenommen. Ein Teil kam nach Mecklenburg, dessen Verbleib ist bis heute ungeklärt. Ein weiterer Teil nach Winnenden im heutigen Baden-Württemberg. In Mecklenburg befand sich die RHF Außenstelle in der Nähe von KZs, in Winnenden eine Heilanstalt. 1947 erhielt Sophie Ehrhardt (ehemals RHF), die seit 1942 dem Rassenbiologisches Institut (nach 1945: Anthropologisches Institut) der Universität Tübingen angehörte einen Teil des Materials. Kurz nach der Übergabe bearbeitete sie es z.B. in Bezug auf Hautleisten bzw. Fingerleistenmuster auf. Die Herkunft verschleiert sie mit der Angabe, es handle sich um von kriminalbiologischer Seite freundlicherweise zur Verfügung gestelltes Material. Entstanden sind aus dieser Forschung mehrere Publikationen, etwa Ehrhards „Über Handfurchen bei Zigeunern“ (1974), in der Festschrift zum 65. Geburtstag der Mainzer Anthropologin Ilse Schwidetzky, in der Angaben über die Herkunft des Materials fehlen. Ihre auf dem RHF-Material aufbauenden Populationsgenetische Untersuchungen an Zigeunern wurden zwischen 1966 und 1970 von der DFG gefördert. Nachdem der neue Leiter des Tübinger Anthropologischen Instituts Horst Ritter 1969 (nicht mit R. Ritter verwandt) ein Bearbeitungsverbot ausgesprochen hatte, wurde das Material an das Anthropologische Institut in Mainz abgegeben.

Eva Justin (ehemals RHF), übergab am 21. Mai 1949 dem Landeskriminalamt München, wo seit 1946 eine „Landfahrerzentrale“ existierte weitere Akten und Materialien. Die „Landfahrerzentrale“ München wurde von „Zigeunerexperten“ der ehemaligen Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens des früheren RSHA betrieben. Vermutlich bestanden hier persönliche Bekanntschaften aus dem Dritten Reich.Stammbäume und andere Materialien der RHF erreichten ab den fünfziger Jahren auch Hermann_Arnold. 1960 wurde das Material des Bayerischen Landeskriminalamtes mit Zustimmung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern an Arnold übergeben. Dieser hatte angegeben, sich seit 1947 mit sozialbiologischen Studien, insbesondere über Zigeuner, beschäftigt zu haben. Die Landfahrerstelle der Münchener Polizei wurde 1970 wegen Grundgesetzwidrigkeit aufgelöst. 1972 übergab Arnold genealogische Materialien an das Anthropologische Institut der Universität Mainz, die beiden bekannten Teile sind damit erstmals nach 1945 vereinigt. 1979 wurde das Bundesarchiv durch ein Schreiben der Gesellschaft für bedrohte Völker auf den Verbleib der Akten der Dienststelle des Reichsgesundheitsamtes aufmerksam gemacht. Das Bundesarchiv sichtet die Akten in Mainz und erklärt, dass die Materialien baldmöglichst in die Magazine des Bundesarchivs übernommen werden sollten, da sie unbestritten in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Unter nicht völlig geklärten Umständen wurden die Akten am 19. Juni 1980 in das Universitätsarchiv Tübingen überführt, da sie dort von Sophie_Ehrhardt „wissenschaftlich ausgewertet“ werden könnten. Auf Mainzer Seite ist Ilse Schwidetzkys Nachfolger Wolfram Bernhard für die Übergabe zuständig. Ihm war die Absprache der Abgabe an das Bundesarchiv „inhaltlich nicht mehr vollständig gegenwärtig“ wie er vor der Staatsanwaltschaft aussagte.

„Diesem archivfachlich wie politisch unhaltbaren Zustand“ schreibt ein Archivar des Bundesarchivs, setzte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit einer spektakulären Aktion ein Ende. Am 1. September 1981 besetzten Sinti und Roma das Universitätsarchiv in Tübingen. Man erzwang die unverzügliche Herausgabe der Unterlagen, verbrachte die Akten noch in der gleichen Nacht nach Koblenz und erreichte zu mitternächtlicher Stunde deren sofortige und im Hinblick auf etwaige archivfachliche Bewertungsmaßnahmen vorbehaltlose Aufnahme in die Magazine des Bundesarchivs. Dort sind sie seitdem als staatliches Archivgut zuständigkeitshalber archiviert.“ Die heute im Bundesarchiv lagernden Reste des Aktenbestandes umfassen 14 laufende Regalmeter in 338 Archiveinheiten (AE). Auch die von Arnold an das Bundesarchiv übergebene „Zigeunersammlung“ enthielt noch über einen Regalmeter aussortierte Unterlagen der RHF. In den heute im Bundesarchiv lagernden Aktenbeständen fehlen viele Teile, darunter auch die ca. 24.000 Gutachtlichen Äußerungen, die die RHF erstellt hatte. Auch der ursprünglich sicher umfangreiche Schriftwechsel mit Polizeibehörden, der sich durch in Ausnahmen erhaltene Gegenüberlieferung belegen läßt - fehlt. Die Verschiebung und mutmaßlich gezielte Vernichtung von Teilen, der Weitergebrauch zu polizeilichen oder Forschungszwecken ist nicht nur ein moralisches Problem, sondern hat mit Sicherheit auch die Strafverfolgung der Täter und die Wiedergutmachung Sinti oder Roma behindert.

 

Strafverfahren gegen RHF-Mitarbeiter

1948 wurde von der Staatsanwaltschaft Frankfurt a. M. ein Ermittlungsverfahren gegen Ritter und Justin eröffnet. Das Verfahren gegen Justin wurde wegen Mangel an Beweisen eingestellt. Bei Ritter folgt die Staatsanwaltschaft dessen Argumentation, er habe die Rassenforschung schon vor dem Auschwitz-Erlass 1942 eingestellt und könne somit gar nichts mit den Deportationen zu tun haben. Auch dieses Verfahren wurde eingestellt. Bis zu Ritters Tod 1951 folgte kein weiteres Verfahren. Gegen Justin wurde 1959 ein weiteres Strafverfahren eröffnet, bei dem der Tsigannologe Herrmann Arnold das entlastende Gutachten schrieb und Justin von jeglicher Beteiligung an der „Zigeunerverfolgung“ freisprach. Das Verfahren wurde 1960 eingestellt, Justin starb 1966 ohne das es zu einem weiteren Verfahren gekommen war.Das erste Strafverfahren gegen Würth und Ehrhardt wurde von der Staatsanwaltschaft Köln 1961 eröffnet und 1963 eingestellt. Das zweite Strafverfahren, wiederum gegen Würth und Ehrhardt wurde 1986 eingestellt. Entlastender Gutachter in diesem Verfahren war Hans Wilhelm Jürgens. Das letzte Strafverfahren gegen einen Mitarbeiter der RHF wurde 1984 gegen Kellermann eröffnet und 1989 eingestellt, da ihr keine mittelbare Beteiligung an Deportationen u.a. nach Auschwitz nachgewiesen werden konnte und die Staatsanwaltschaft verneinte, dass sie abschätzen konnte, dass ihre Arbeit einem Völkermord diente. Über standesrechtliche Verfahren etwa gegen die Ärzte: Ritter, Stein, Würth ist nichts bekannt. Die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie weigerte sich Mitte der 90er Jahre Sophie Ehrhardt auszuschließen. Robert Ritter und seine Mitarbeiter, bewegten sich während der nationalsozialistischen Herrschaft im Spannungsfeld von Heilen und Vernichten. Ärztlich-hippokratischem Selbstverständnis und intellektueller wie pragmatischer Kollaboration mit der faschistischen Tötungsmaschinerie; in einem fatalen Dualismus von Heiler und Henker. Ritter selbst leistete mit seinen vielfältigen Publikationen und Vortragstätigkeiten wichtige und teils weichenstellende theoretisch-wissenschaftliche Vorarbeiten für den Völkermord an Sintioder Roma.Dies muss auch anderen Rassebiologen klar gewesen sein. Juristen der Frankfurter Staastanwaltschaft sahen dies vermutlich wesentlich entspannter wen sie Ritter als "Mitläufer der NS-Diktatur" einstuften.Ritter war sicher kein Mitläufer, sondern an führender Position größeres Rädchen im Getriebe des 3.Reiches. 

 


Belege und Literatur  

Photos: NS-Rassebiologen/  Linkhinweis 1: Leben und Werk des NS-"Zigeunerforschers Robert Ritter-Schmidt-Degenhard, Tobias Uni Tübingen/ Bildquelle 1.Bild: Bundesarchiv/ Robert Ritter sortiert die Bevölkerung/Youtube Video-Kinder im NS-Staat / Karrieren im Nationalsozialismus-Tobias Jersak Gerhard-Hirschfeld Campus Verlag 2004 / Mulfinger Sintikinder - Quelle / 2:Quelle / 3: Quelle- Ernst Klee Auschwitz,Die NS-Medizin und ihre Opfer.3.Auflage - Ernst Fischer Verlag Frankfurt am Main 1967 S.80f /Quelle: Robert Ritter - Quelle: Akten der RHF-Strafverfahren gegen RHF-Mitarbeiter/Quelle: Eva_Justin