WIEDERGUTMACHUNGSPRAXIS
DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Von den in Ghettos und Konzentrationslagern verschleppten "Zigeunern" überlebten nur 4.000 bis 5.000 die Vernichtung (Quelle) . Die zurückkehrenden Personen waren auf besondere Fürsorge angewiesen, weshalb auf Anordnung der alliierten Militärregierung in jeder Gemeinde gesonderte Betreuungsstellen einzurichten waren.In den westlichen Besatzungszonen wurde außerdem die Zahlung von Entschädigung an NS-Opfer durch deutsche Behörden veranlasst. Als entschädigungswürdig galten die Verfolgung aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen, während die KZ-Haft bei Kriminellen als legitime Form der Verbrechensbekämpfung gewertet wurde. Durch die Entschädigungsbehörden wurden auch als "Asoziale" inhaftierte Menschen nicht als NS-Verfolgte eingestuft.  Zur Prüfung, ob unberechtigte Personen Hilfen oder Entschädigung beantragten, begannen die Ämter bereits früh damit, Anträge auf Anerkennung als NS-Verfolgte der Kriminalpolizei zuzuleiten. Im Rahmen dieser Kooperation wurden zum Teil vormalige Beamte der "Dienststellen für Zigeunerfragen", die nach 1945 mit dem Wiederaufbau der polizeilichen Sondererfassung von Zigeunern befasst waren, nun zu Gutachtern über den Charakter ihrer eigenen Verfolgungsmaßnahmen während des Nationalsozialismus. Kaum überraschend gaben die ehemaligen NS-Täter zu Protokoll, dass die Antragsteller nicht aus rassischen Gründen, sondern wegen "Asozialität" inhaftiert worden seien, und konnten so erfolgreich Entschädigungszahlungen an ihre Opfer wie auch eine strafrechtliche Verfolgung der eigenen Person am Völkermord verhindern.

Aus den 1954/1955 veröffentlichten Kommentaren zum "Bundesentschädigungsgesetz" (BEG) 1 wurden alle Verfolgungsmaßnahmen aus der Zeit vor März 1943 als legitime Sicherheitsmaßnahmen interpretiert, da die den Zigeunern "eigene Eigenschaften" wie "Asozialität", Kriminalität und "Wandertrieb" ihre Bekämpfung veranlasst hätten. Anfang 1956 wurde die Rechtsprechung und Verwaltungspraxis, eine rassische Verfolgung der Zigeuner erst ab März 1943 anzunehmen, durch ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes (BGH) sanktioniert und festgeschrieben. Anderslautende Urteile wurden in der Bundesrepublik Deutschland bis Ende 1963 regelmäßig von höheren Instanzen kassiert. Dennoch wurde durch Land- und Oberlandesgerichte auch immer wieder abweichend, über die Verfolgungsgründe einzelner Personen geurteilt und mit dem BGH intensiv über die Frage gestritten, was unter rassischer Verfolgung zu verstehen sei.Ende 1963 erfolgte durch den BGH eine teilweise Revision seines Grundsatzurteils von 1956, wobei nun festgestellt wurde, dass für die Verfolgung der Zigeuner seit 1938 "rassenpolitische Beweggründe mitursächlich" gewesen seien. Die meisten Entschädigungsverfahren von Sinti oder Roma waren jedoch bereits durch unanfechtbare Bescheide oder rechtskräftige Urteile abgeschlossen. Dem wurde im "Bundesentschädigungsschlussgesetz" von 1965 Rechnung getragen, da Zigeunern, deren Anträge aufgrund der früheren BGH-Rechtsprechung zurückgewiesen worden waren, ein Neuantragsrecht für Verfolgungsschäden zugestanden wurde, die in der Zeit vom 8. Dezember 1938 bis zum 1. März 1943 entstanden waren. Ein Neuantrag war jedoch unzulässig, wenn die Tatsache einer Freiheitsentziehung angezweifelt oder eine Freiheitsentziehung aus rassischen Gründen auch für die Zeit nach dem 1. März 1943 bestritten worden war. Ein Neuantragsrecht wurde auch dann nicht zugestanden, wenn Betroffene erst gar keinen Entschädigungsantrag gestellt hatten, weil sie aufgrund der BGH-Rechtsprechung ohnehin mit einer Ablehnung rechnen mussten.(Gilan Margalit/Die Nachkriegsdeutschen u.ihre Zigeuner Seite 117-173/ Katharina Stengel, Tradierte Feindbilder. Die Entschädigung der Sinti und Roma in den fünfziger und sechziger Jahren, Frankfurt/M. 20042
 


 BIOGRAPHIEN

Die hier vorgestellten Biografien sind keine Einzelfälle,sondern stehen stellvertretend für ähnlich gelagerte Schicksale tausender Sintifamilien. Abseits der Anonymität von Vernichtungszahlen und Leichenarithmetik bestimmter Historiker, soll hier der Versuch unternommen werden die verbrecherische Rassenideologie der Nationalsozialisten und Wiedergutmachungspolitik des Nachkriegsdeutschland an Hand der Lebensläufe einzelner Sinti aufzuzeigen.

 Das Verfolgungschicksal Herrn Augustin Lurskys und seiner Familie.

Augustin Lursky wurde am 24.12.1905 in Dlouha´Ves/Voiterschitz CSR geboren.Er war verheiratet mit Johanna Buryansky.Aus dieser Ehe gingen 6 Kinder hervor.1943 wurde die gesamte Familie in Prag von der Gestapo verhaftet,und als Zigeuner mit einem Transport in das Sammellager Ruzyni deportiert.Vor dem Weitertransport nach Auschwitz,gelang es Augustin Lursky zusammen mit seinem ältesten Sohn zu fliehen.Beide lebten jahrelang versteckt im Untergrund,und haben das 3.Reich wohl nur zufällig überlebt.Vater und Sohn Lursky wurden auf der Flucht getrennt,und sahen sie sich erst 1954 in der BRD wieder.Über den Verbleib seiner Frau und anderen Kinder,konnte Augustin Lursky nur Vermutungen anstellen.Erst Mitte der 60er Jahre klärte sich ihr Schicksal,wurde Herrn Lursky die Ermordung seiner Frau und 5 Kindern im Konzentrationslager Auschwitz von einer Sintiza eidesstattlich bestätigt.1968 stellte Augustin Lursky beim bayerischen Landesentschädigungsamt einen Antrag auf Wiedergutmachung.Dieser Antrag wurde als unzulässig abgelehnt.Der Ablehnungsbescheid stützte sich vor allem vor allem auf Formale Gründe.Entsprechende Zeugenaussagen/Eidesstattlichen Erklärungen wurden als unglaubwürdig verworfen, auch eine Härtfallregelung wurde nicht in Betracht gezogen.1972 verstarb Herr Lursky an den Folgen der Krankheiten, die er sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten zugezogen hatte. 

Persönliches Interview/ Die entsprechenden Originaldokumente, wie Wiedergutmachungs-Antrag/Heiratsurkunde/Ablehnungsbescheid, befinden sich in Familienbesitz,und können hier unter den Nummern 1-8 zur Einsicht genommen werden.  1 2 3 4 5 6 7 8  /KZ Einlieferungs u.Sterbedatum der Kinder,befinden sich im Gedenkbuch "Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz" - Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma Heidelberg/Staatliches Museum Auschwitz


 

Walter Winter - Ein Sinto erinnert sich...

Als Sohn eines Pferdehändlers in Ostfriesland wird Walter Winter zu Kriegsbeginn in die Wehrmacht eingezogen,aber nach zwei Jahren aus "Rassenpolitischen Gründen" entlassen und nach Auschwitz deportiert.Walter Winter überlebt nur,weil ehemalige Wehrmachtsangehörige im Herbst 1944 mit ihren Familien  nach Ravensbrück und Sachsenhausen gebracht werden.Kurz vor der Befreieung wird Herr Winter als Zwangssoldat zur SS-Division Dirlewanger eingezogen.In den Wirren der letzten Kriegstage gelingt ihm die Flucht nach Hause.Nach dem Krieg baut er sich in Norddeutschland eine neue Existenz als Schausteller auf.Sein Engagement für die Anerkennung des Unrechts an Sinti oder Roma,wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. (Zeitzeugenbericht:Manuskript-Karin Guth Hamburg)

 


 Oskar Böhmer - Lebenslauf

Oskar Böhmer wurde am 4.Oktober 1920 in Hamburg als Ältester von 10 Geschwistern geboren.Seine Eltern waren deutsche Sinti.Im Jahre 1926 Einschulung in Hamburg.Mit 15 Jahren Lehre als Kellner in einem Berliner Restaurant.Stationen seines Leidensweges...1936 in das Sammellager Berlin-Marzahn zwangsumgesiedelt.März 1943 Deportation in das KZ Auschwitz Birkenau.Ab August 1944 weiter nach Buchenwald/Dora. April 1945 Befreiung durch die Engländer in Bergen-Belsen."Wen ich erzählt habe dauert es mindestens 2 Tage bis ich wieder im Lot bin,den die Erinnerung regt mich doch immer wieder stark auf.Aber es ist wichtig,damit die anderen erfahren wie es gewesen ist mit den Sinti".(Zeitzeugenbericht:Manuskript-Karin Guth-Hamburg)


 

 Aug in Aug - mit Todesengel Mengele

Bild oben:Männer der Familie Höllenreiner bei Zwangsarbeit in München/Nockerberg

Hugo Höllenreiner ist das Oberhaupt einer großen bayerischen Sintifamilie, und wurde 1933 als Sohn eines Pferdehändlers und Fuhrunternehmers in München geboren. 1943 wurde Er als Neunjähriger nach Auschwitz deportiert, wo Dr. Mengele ihn und seinen Bruder mit  medizinischen Experimenten quälte.Über Ravensbrück und Mauthausen kam Hugo nach Bergen-Belsen. Wie durch ein Wunder überlebte Hugo Höllenreiner mit seinen Eltern und Geschwistern die Hölle der Konzentrationslager,und wurde zusammen mit seiner Mutter und Schwester am 15.April 1945 von Britischen Truppen in Bergen-Belsen befreit.Das Leben der Gefangenen in einem Konzentrationslager schildert Hugo in dem Buch "Denk nicht wir bleiben hier Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner".


 Biographie Melanie Spittas 

Otto Pankok Preisverleihung

Zum Gedenken an Melanie Spitta

Melanie Spittas Familie emigrierte 1938 nach Belgien,um der Verfolgung durch das Naziregime zu entgehen.Eine sinnlose Hoffnung...nur 6 von 30 Personen überlebten die Gaskammern von Auschwitz.Mitarbeit bei zahlreichen Publikationen als Beraterin, Gastvorträge an Universitäten - Veröffentlichungen in Zeitschriften - Autorin und Regisseurin von 6 Dokumentarfilmen - Drehbuch des Films Meleza und Gallier.

  


Trollmanns aussichtsloser Kampf

 Interview der Boxing Press

Diese Lebenslinie handelt von einem Berufsboxer, der seine größten Erfolge, sowie größte sportliche Niederlage am Tempelhofer Berg/Berlin erlebte. Er hieß Johann Wilhelm Trollmann, seine Freunde nannten ihn Rukeli. Trollmann wurde 1907 in Hannover geboren,sein Leben endete 1944 im KZ Neuengamme.Der Sinto Johann Trollmann wurde von dem jüdischen Boxer Erich Seelig, dem der deutsche Boxsportverband 1933 die Titel im Halbschwer- und Mittelgewicht aberkannt hatte trainiert. Am 9. Juni 1933 wurde Trollmann im Kampf gegen Adolf Witt deutscher Meister im Halbschwergewicht. Trollmann besiegte seinen Gegner, dem er in puncto Technik, Beweglichkeit und  vor allem Schnelligkeit überlegen war. Mit dem Sieg des David (Trollmann 71Kg) über Goliath (Witt kämpfte später im Schwergewicht) wurde Trollmann zu einem Publikumsliebling.Da aber die Funktionärsriege des deutschen Boxverbandes mit Nazis durchsetzt, und Trollmann ein Sinto war wollte man den Kampf als „nicht gewertet“ betrachten. Nur die Empörung des Publikums sorgte dafür, das Rukeli Trollmann als Sieger ausgerufen wurde. Acht Tage später wurde ihm der Titel jedoch wegen „armseligen Verhaltens“ wieder aberkannt.Weiterlesen...


 

Philomena Franz - Biographie

 

Häftling Nr. 10550

Ihr Einfamilientheater war überall willkommen mit seinen Operetten und kleinen Dramen, mit dem Zigeunerbaron und der Carmen. Aus der Provinz zogen ihre schindelgedeckten Pferdewagen bis zur Stuttgarter Liederhalle, zum Berliner Wintergarten, zum Pariser Lido. Der Rundfunk holte ihre Truppe. Wie später die Valentes, die Kelly-Familie.Wenige Jahre später gab es für Sinti und Roma nur noch Züge in die Konzentrationslager. Philomena, die noch ihren Mädchennamen Köhler trug, ist in Viehwagen durch sechs Lager geschleppt worden. Auschwitz hat sie zweimal überlebt. Das erste Mal wurde sie vom »Zigeunerlager« in Auschwitz-Birkenau, wo 21 000 Sinti oder Roma vegetierten und wegstarben, nach Ravensbrück verfrachtet. Dort traf sie auf ihre ältere Schwester, erkannte sie nicht mehr. Der Kopf geschoren, der Körper zum Skelett abgemagert. Und ihre Kinder? »Alle in Auschwitz gestorben«, berichtete die Schwester, »in der Gaskammer.« Wen wir hassen, verlieren wir...heißt das Lebensmotto der Autorin Philomena Franz (Zwischen Liebe und Hass/Zigeunermärchen).In Schulen und Universitäten erzählt Frau Franz von ihrem Leben als Sintiza,dem die Nationalsozialisten ein jähes Ende bereiteten.Mit klick auf die oberen Links gelangen sie zu ihrer Biografie.


 Lily van Angeren

 

"Ich möchte eigentlich noch der Mund sein, der sprechen kann für alle Toten, die dort geblieben sind.Dass die Welt auch noch begreift und weiß, was mit uns passiert ist.“Die das sagt, ist eine Dame. Klug, belesen, charmant. Wenn Lily van Angeren deutsch spricht, dann mit einem niederländischen Akzent. Sie lebt seit Kriegsende in Holland, wollte nicht mehr im Land der Täter sein. Es war nicht mehr ihre Heimat, denn die Nationalsozialisten hatten fast alle ihre Angehörigen ermordet. Weil sie der Minderheit der Sinti und Roma angehörten.Im Frühjahr 1943 wurde Lily van Angeren mit ihrer Familie in das „Zigeunerlager“, einem abgetrennten Bereich des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau deportiert. Und mit ihnen etwa 20.000 andere deutsche Sinti oder Roma. Noch 1933 konnte niemand von ihnen ahnen, was kommen würde...